Das Problem mit dem Parkraum.

Schauen wir uns in unseren Städten doch einmal um. Das Auto ist allgegenwärtig. Es gibt kaum eine Straße, an dessen Straßenrand keine Autos geparkt sind. Insbesondere hier in der Autonation Deutschland sind wir daran gewöhnt. Es wird vom überwiegenden Teil der Menschen als völlig selbstverständlich angesehen, dass wir Autos links und rechts der Straße, auf Rad- oder Gehwegen und fernab jeglicher Reglementierungen parken dürfen. Und niemanden stört es! 

Das führt zu anarchistischen Parkzuständen, die wiederum für extrem gefährliche Situationen sorgen. Das vielleicht vorab: Es hat schon seine Gründe, dass man fünf Meter vor und hinter Kreuzungen und Einmündungen nicht parken darf …

„Ich bin ganz ehrlich. Vor meiner Haustür parken ständig Autos auf dem Gehweg. Und zwar so, dass ich zu Fuß nicht mehr vorbeikomme. Und auch wenn ich durch mein Viertel laufe sehe ich, dass auf fast allen Straßen Autos auf beiden Seiten parken dürfen. Dabei gibt es hier super viele schmale Straßen.“ Das sagt Robin Schäfer in der aktuellen Folge des WDR-Podcasts „Autokorrektur“. Robin ist freiberuflicher Journalist, wohnt in Leipzig und ist der Kopf hinter diesem Podcast. Im Gespräch zeigt sich, dass eigentlich alle Städte mit den gleichen, hausgemachten Problemen zu kämpfen haben.

Eigentlich verfolgen Autokorrektur und autofahrende.de zwei unterschiedliche Konzepte. Während es bei Autokorrektur um die bereits vorhandenen und guten Beispiele von nachhaltiger und zukunftsfähiger Mobilität geht, beschäftigt sich autofahrende.de mit der Gegenseite. Wie in den vorherigen Artikeln und Reportagen ja bereits mehrfach zum Tragen kam, ist Bremerhaven weit entfernt von nachhaltiger und zukunftsfähiger Mobilität. Natürlich bewegt sich da gerade viel, dennoch dauert es wahrscheinlich noch eine Weile, bis die Seestadt in einem Autokorrektur-Podcast als Positivbeispiel Thema wird. 

Die Probleme sind hausgemacht.

Doch es gibt ja offenbar nicht nur in Bremerhaven Schwierigkeiten. „Eigentlich haben alle Städte die gleichen Probleme.“, sagt Robin. Und die meisten Mobilitätsprobleme in der Stadt seien verursacht durch eine übermäßige Menge an Autos. Der unfassbar große Bedarf an Parkfläche sei eines der größten Probleme, insbesondere in Wohngebieten. „Dabei ist das doch der Ort, an dem die Menschen leben und viel Zeit verbringen. Da sollte es doch schön sein. Grünflächen, Bäume, Spielplätze. Hier sollte man doch davon ausgehen, dass das Leben pulsiert. Dass Kinder draußen spielen, die Menschen zusammenkommen auf einen Plausch oder gemeinsam das Leben genießen.“ Stattdessen sehe die Realität vielerorts völlig anders aus, meint Robin. Insbesondere in Wohngebieten parken die Anwohner*innen ihre Fahrzeuge am Straßenrand oder – noch schlimmer – auf den Bürgersteigen oder an Straßenkreuzungen. In Leipzig sei das, wie eingangs erwähnt, wie in vielen anderen Städten auch, ein massives Problem. „Selbst ich als erwachsener Mensch habe regelmäßig Probleme, die Verkehrssituation einzuschätzen, wenn beispielsweise Kreuzungen zugeparkt sind und ich die Straße nicht einsehen kann. Wie soll das denn dann ein kleines Kind einsehen oder einschätzen können?“ Weiter meint Robin, habe er Angst vor der Zeit, wenn er einmal Kinder haben sollte. „Ich weiß nicht, ob ich mein Kind hier in Leipzig alleine zur Schule gehen oder radeln lassen könnte.“

Das Problem sei hausgemacht, merkt Robin an. Es gebe nämlich kaum Kontrollen und die Ordnungsbehörden seien viel zu häufig auf der Seite der Autofahrer*innen. Das Parken ist meistens nahezu kostenlos, was im Grunde völlig absurd sei, verglichen mit der Fläche, die ein Auto im öffentlichen Raum einnehme. 

Parkplatz müsste das Hundertfache kosten!

Kleines Beispiel: Ein VW-Tiguan Allspace beispielsweise beansprucht alleine eine Grundfläche von etwa 8,5 Quadratmetern. Wenn man umlaufend noch mal fünfzig Zentimeter Sicherheitsabstand beim Parken mit einberechnet, kommt man schnell auf knapp 15 Quadratmeter Flächenverbrauch. In der nördlichen Innenstadt Bremerhavens kostet ein Anwohnerparkausweis 13,50 Euro, in den anderen Gebieten 27 Euro JÄHRLICH. Legt man jetzt den durchschnittlichen Mietpreis pro Quadratmeter für eine Wohnung in Bremerhaven zu Grunde, erscheint dieser Preis absurd. Im Schnitt kostet der Quadratmeter hier nämlich monatlich 5,98€. Rechnet man das auf 15 Quadratmeter und 12 Monate hoch, landet man bei einem Mietpreis von etwa 1076 Euro. 

Um die 1000 Euro müsste man also im Vergleich für ein Jahr Parken des eigenen VW Tiguan bezahlen. 13,50 Euro bezahlt man im günstigsten Falle. Das sind etwa 1,3 Prozent des fairen Parkpreises. 

1076 Euro sind zugegebenermaßen ein wenig hoch gegriffen. Doch im Vergleich: In Stockholm kostet ein Anwohnerparkausweis im Jahr 827 Euro, in Amsterdam 535 Euro. Und: Wenn in Amsterdam ein/e Anwohner*in den Parkausweis abgibt, so wird kein neuer mehr ausgestellt. Eine smarte Lösung, Parkraum zu reduzieren.

Alternativen geben. Angebote schaffen!

Angebote schaffen und den Wert von öffentlichem Raum neu messen, darum geht es nicht nur Robin. „Lebenswertere Städte entstehen dann, wenn bei der Verteilung der Nutzungsansprüche im öffentlichen Raum nicht mehr die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer von privaten Pkw einseitig im Vordergrund stehen“, sagt Christian Hochfeld, Direktor der Agora Verkehrswende, in einem Interview mit der Heinrich-Böll-Stiftung. Angebote müssten geschaffen werden, um den Umstieg vom Auto auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel einfacher zu machen. Während die jüngere Generation auch gut und gerne aufs Auto verzichten kann, sieht das bei den älteren ganz anders aus. Im Gegensatz zur „Generation Auto“, ist für die jungen Leute das Auto kaum noch Statussymbol. Hier gilt: Smartphone statt Auto. Das Smartphone wird zum Mobilitätspartner und öffnet Tür und Tor. Und das ist ganz wörtlich gemeint! Per App lassen sich beispielsweise Carsharing-Autos öffnen. 

Sinnvoll und eng getakteter öffentlicher Nahverkehr mit Bus und Bahn, Ride-Sharing-Dienste, Leihfahrräder, E-Scooter, Carsharing und natürlich gute und vor allem sichere Rad- und Fußwege. Am besten gebündelt an Mobilitätspunkten, an denen das Verkehrsmittel schnell, einfach und unkompliziert gewechselt werden kann. Angebot schafft Nachfrage. 

„Die Menschen benötigen einen Perspektivwechsel.“, schlägt Robin vor. „Ich denke, jede größere Stadt in Deutschland müsste verpflichtend ein völlig autofreies Modellquartier haben. Hier könnte man am lebenden Objekt zeigen und erleben, wie alternative Mobilität geht! Die Menschen müssen denken: Wow, so schön und einfach kann es sein!“ Erste Schritte werden auch außerhalb der Paradestädte wie Wien, Kopenhagen oder Amsterdam getan. 

Der Parking-Day 2019 in Hildesheim.

Park(ing)-Day als erster Schritt.

Kleine Frage: Hast du schon einmal etwas vom Park(ing)-Day gehört? Nein? Schade. Immer im September wird hier Parkraum zum Park-Traum. In vielen deutschen Städten werden Parkplätze von Initiativen mit Rollrasen, Liegestühlen oder Pflanzen zu temporärem Parkraum umgestaltet. Einzig zur Symbolwirkung: Hier, schaut her! So einfach geht’s! Einzig einen Parkschein für die Dauer der Aktion braucht es hier für. 

Einen Schritt weitergedacht sind so genannte „Parklets“. Hier wird Parkraum dauerhaft umgenutzt. Künstlerisch gestaltete Elemente, oft aus Holz, schließen direkt an den Gehweg an und bieten auf Bänken Platz zum lesen, entspannen, klönen oder einfach nur da sitzen. Die behördlichen Hürden zur Installation solcher „Parklets“ liegen aber ungleich höher als temporäre Park-Parkplätze.

In Köln beispielsweise gibt es jedes Jahr den „Tag des guten Lebens“. An einem Tag haben Autos in einem bestimmten Stadtteil keine Zufahrt. Auf den Straßen gibt es dann Feste, Kinder spielen oder Menschen kommen ungezwungen zusammen.

„Niemand kann mir erzählen, dass er oder sie gerne an einer vielbefahrenen Straße mit Verkehrslärm wohnt.“, schließt Robin ab. Er käme zwar viel herum und hat sich bereits viele beispielhaft gute Initiativen oder Projekte angesehen, am Ende überwiegt aber der Zweifel, ob sich das alles auch großflächig durchsetzen wird. „Ein flächendeckendes Umdenken ist meines Erachtens nach nicht zu erkennen. Und wird wahrscheinlich auch so schnell nicht kommen.“ Denn so lange die deutsche Autoindustrie den Entscheidungsträger*innen diktiert, wohin es mobilitätsmäßig geht, roden wir weiter fleißig Wälder für Autobahnen, brettern mit stinkenden Dieseln durch unsere Vorgärten und ignorieren die Jahr für Jahr mehr als 3000 Verkehrstoten Menschen alleine in Deutschland. Und am Ende heißt es wieder: „Aber die Arbeitsplätze …“

Robin Schäfer ist freier Journalist und arbeitet unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk WDR. Er moderiert “Autokorrektur”, den Podcast für bessere Mobilität. Das Gespräch führten wir am 19.11. per Zoom-Konferenz.

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