Die Zukunft heißt "intermodaler Verkehr".

Das Mobilitätsverhalten ist im Wandel. Vor allem die junge Generation, also die Menschen unter dreißig und davon ganz besonders die Bewohner*innen von Städten, bewegen sich völlig anders fort als noch vor einigen Jahren. Denken wir zehn oder fünfzehn Jahre zurück. Das Auto war Statussymbol, ein gehegtes und gepflegtes Objekt der Begierde. Das ist heute in bestimmten Bevölkerungsgruppen gewiss auch noch so, doch der Blick in die Statistiken zeigt es: In einer repräsentativen Umfrage gaben 70 Prozent der 16- bis 29-jährigen an, dass das Auto für sie kein Statussymbol mehr sei. Heute sei für die junge Generation vor allem das Smartphone eine Art Statussymbol und der Zugang zum Internet wichtig. Das Smartphone ist der Schlüssel für die persönliche Mobilität. Und das sogar wörtlich. Nur mit einem Smartphone ausgestattet findet man heute in Städten von A nach B. Ob die Fahrplanauskunft für die Stadtbahn und das digitale Ticket im DB-Navigator, das Suchen und das Entsperren von E-Scootern und Leihfahrrädern oder die Orientierung zu Fuß.

Auch der Anteil an Nutzer*innen von Sharing-Angeboten steigt stetig an und auch der Radverkehrsanteil wird immer größer. Doch wer weite strecken zurücklegen möchte, für den ist das Fahrrad alleine nicht immer das Verkehrsmittel der Wahl. Beispielsweise für Pendler*innen, die Tag für Tag fünfzig oder mehr Kilometer zurücklegen, um zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni zu gelangen. Da bietet es sich an, verschiedene Verkehrsträger zu kombinieren. Nutzt man, um eine Strecke zurückzulegen, verschiedene Verkehrsmittel in Kombination, so nennt man das intermodalen Verkehr. Als Beispiel: Mit dem eigenen Auto vom Dorf zum nächsten Bahnhof, dort das Auto kostenlos parken und in den Zug steigen. Am Zielort aus dem Zug raus und dort aufs Leihfahrrad oder in die Straßenbahn, um die letzte Strecke zur Arbeitsstelle zurückzulegen.

Mit Klapprad im Doppelstockzug nach Bremen.

So ähnlich macht es auch Jonas Ehlers. Er ist 19 Jahre alt und studiert seit August dual Informatik in Bremen, wohnt aber im etwa 50 Kilometer entfernten Bremerhaven. Fast jeden Tag pendelt er zur Arbeit beziehungsweise in die Hochschule. Dazu kombiniert er zwei umweltfreundliche Verkehrsmittel: das Fahrrad und die Eisenbahn. Vom Wohnort bis zum Bahnhof braucht er mit seinem Klappfahrrad keine fünf Minuten. „Ich habe eben den großen Vorteil, dass ich so nah am Bahnhof wohne. Und dass Hochschule und Arbeit nicht allzu weit vom Bahnhof entfernt sind.” 

Am Bremerhavener Hauptbahnhof steigt Jonas dann in den Regionalexpress in Richtung Hannover oder Osnabrück. Dieser bringt ihn in einer guten halben Stunde ins Zentrum Bremens. “Platz fürs Fahrrad gibt es hier meistens genug. Und für das Klapprad sowieso. Durch Corona sind die Züge ohnehin verhältnismäßig leer.” Vom Hauptbahnhof in Bremen radelt Jonas dann in gut zwanzig Minuten einmal quer durch die Stadt zur Arbeit. Oder in gut zehn Minuten bis zur Hochschule. „Das Klapprad habe ich bei Ebay-Kleinanzeigen für 200 Euro gekauft. Zustand: Quasi neu.“ Von Tür zu Tür ist er etwa eine Stunde und zehn Minuten unterwegs. 

Verglichen mit dem Auto ist das etwa eine halbe Stunde länger, vorausgesetzt es herrscht wenig Verkehr. Morgens und abends zur Rush-Hour kann es auch mal genau so lange dauern, wie mit dem Zug. Insbesondere aufgrund der verstärkten Auto-Nutzung in Corona-Zeiten.

Das Auto kostet Lebenszeit.

Die Gründe, warum Jonas nicht aufs Auto setzt sind vielfältig. “Zum einen habe ich mein Semesterticket, das ich sowieso bezahle. Mit dem Ticket darf ich mit allen Regionalzügen in ganz Niedersachsen fahren. Zum anderen nutze ich die Zeit im Zug gerne um den Lernstoff nachzuarbeiten oder einfach mal eine Serie auf Netflix zu schauen.” Natürlich sei er mit dem Auto unter Umständen schneller unterwegs. Doch die Nachteile dürfe man nicht ausblenden. Mit dem Auto zu pendeln sei ihm als Student einfach zu teuer, der Verkehr zu lästig. Hinzu kommt der Umweltaspekt. “Autos haben in großen Städten wie Bremen einfach nichts verloren. Ich kann als FFF-Anhänger nicht Wasser predigen und Wein trinken. Autos verursachen vermeidbaren Lärm und Gestank für die Stadtbewohner*innen und nehmen ihnen unfassbar viel Platz weg. Ich habe zwar ein Auto, aber in die Stadt fahre ich damit nicht.” Nicht zu vergessen sei auch einfach die Zeit, die einem das Autofahren nimmt. “Ich fahre nicht so gerne Auto und bin jetzt auch nicht der beste Autofahrer. Meine Freunde können das sicher bestätigen. (lacht) Die Lebenszeit und die Nerven, die mir das Pendeln im Auto rauben würde, gibt mir keiner wieder.” Da verbringe er die Zeit lieber anders. “Und wenn ich nur aus dem Fenster starre und an gar nichts denke. Alles ist besser, als im Stau zu stehen.” 

Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. “Klar, hat ein Zug auch mal Verspätung oder fällt aus. Dann muss ich halt flexibel reagieren. Zum Glück sind die Verbindungen ganz gut. Und wenn nicht gerade ein Baum auf dem Gleis liegt, wird auch meistens schnell für Ersatz gesorgt.” Zwischen Bremerhaven Hauptbahnhof und Bremen gibt es zwei Verbindungen. Der RegionalExpress, der unterwegs nur in Osterholz-Scharmbeck hält und die Regio-S-Bahn, die an allen neun Unterwegsbahnhöfen Stopp macht. “Es kommt doch auch immer drauf an, wie man mit Verspätungen umgeht. Wenn ein Zug mal zehn oder fünfzehn Minuten zu spät kommt ist das doch kein Beinbruch. Ich kann genau so gut auf der A27 in einer Vollsperrung stehen. Und wenn das passiert, gibt es doch auch keine Hasstiraden auf Verkehrsminister Andreas Scheuer, wie schlecht doch unsere Autobahnen funktionierten.” Wahre Worte. “Und wenn ich dummerweise gerade in einem Zug sitze, der auf freier Strecke zum Stehen kommt und es erstmal nicht vorangeht, dann kann ich immer noch entspannt weiter arbeiten oder Filme schauen. Im Auto könnte ich das nicht.” Eine gesunde Einstellung.

„Wenn ich meinen Zug verpasse, bin ich eine Stunde später zu Hause.“

Ein gravierenden Nachteil hat natürlich das Pendeln mit dem Zug: Es gibt einen Fahrplan. Zwar verkehren die Züge zwischen Bremerhaven und Bremen im Stundentakt. Zu Stoßzeiten wird der Takt in Lastrichtung sogar halbstündlich verdichtet. „Doch wenn ich meinen Zug am Hauptbahnhof gerade um fünf Minuten verpasst habe, bin ich eine Stunde später zu Hause.“ Denn die Abfahrten der langsamen Regio-S-Bahn und des RegionalExpress liegen nur 15 Minuten auseinander. In Bremen fahren die Regio-S-Bahnen immer um 40 ab und kommen um 26 der Folgestunde in Bremerhaven Hauptbahnhof an. Der RegionalExpress fährt um 56 hinterher und ist um 31 am Hauptbahnhof. Die Regio-S-Bahn braucht also elf Minuten länger und fährt vorher ab. Verpasst man also den RegionalExpress um 56, ist man grundsätzlich knapp eine Stunde später zu Hause.

Fahrradticket kostet
3,95 €. Der Grund dafür ist fraglich, der VBN hält sich bedeckt.

Ganz so unproblematisch ist die Fahrradmitnahme übrigens meist doch nicht. Platz ist zwar meistens vorhanden, wie wir eingangs erfahren haben. Doch hat man nicht wie Jonas ein Klapprad, sondern ein normales Fahrrad, wird die Mitnahme dessen schon eine kostspielige Angelegenheit. 3,95 Euro kostet ein Fagrrad-Tagesticket, 54,30 Euro ein Monatsticket fürs Gesamtnetz49). „Da habe ich lieber einmalig 200 Euro in ein Klapprad investiert.“, erklärt Jonas. „Das habe ich ja in nicht mal vier Monaten wieder raus.“ Warum ein Fahrrad-Ticket im Vergleich mit einem Personenticket so teuer ist, kann mir nur der Verkehrsverbund-Bremen-Niedersachsen VBN, der für den Ticketverkauf verantwortlich ist, beantworten. Auf meine Anfrage hat die Pressestelle jedoch bis heute nicht reagiert. 

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