"Farbe ist keine Infrastruktur."

Ein Sonntagnachmittag im Oktober, ich warte auf die Ankunft meines ersten Gesprächspartners. Wir haben uns am Bahnhof Bremerhaven Lehe verabredet. Kaum angekommen, ertönt auch schon die freundliche Ansage, die den hier endenden Regionalexpress aus Hannover ankündigt und kurz darauf fährt der rote Doppelstockzug auch schon ein. Aus dem Fahrradwagen steigt Till Schierer aus. Er ist frische 17 Jahre alt, unter anderem Sprecher der hiesigen Grünen Jugend und überzeugter Radfahrer. Bremerhaven ist eine autogerechte Stadt, wie sie im Buche steht. Die Straßen sind breit, oft mehrspurig, führen quer durch das gesamte Stadtgebiet und verfügen an wenigen Orten über Infrastruktur für andere, nicht motorisierte Verkehrsteilnehmende, die einen solchen Namen verdient hätte. Auch der öffentliche Nahverkehr innerhalb der Stadt ist insbesondere in Tagesrandlagen, in die Peripherie oder an Wochenenden sehr ausgedünnt unterwegs und bietet selten praktikable Möglichkeiten, sich fortzubewegen. Umso wichtiger ist also die Möglichkeit, sich individuell fortzubewegen, insbesondere auch für Menschen ohne Auto. Till hat mir vorab versprochen, mir auf unserer heutigen Tour einige der absurdesten und für die Stadt typischsten Situationen zu zeigen. Lange laufen müssen wir dafür auch gar nicht, denn mit Verlassen der barrierefrei ausgebauten Bahnstation treffen wir auf eine überdachte Fahrrad-Abstellstation, die jedoch von kaum einem Fahrrad genutzt wird. Warum wird bei genauem Hinsehen schnell klar, denn es gibt weder Fahrradständer- noch Bügel oder andere Möglichkeiten, den Drahtesel vor Diebstahl zu schützen. Planungsfehler, gewollt oder nicht besser gewusst? Man weiß es nicht.

Keine 50 Zentimeter ist der Fußweg in der Langen Straße breit.

50 Zentimeter Fußweg werden wohl reichen.

Vorbei an einem Park and Ride-Parkplatz, der für einen Sonntag von erstaunlich vielen Automobilist*innen, vermutlich zum Parken ohne zu riden, genutzt wird, geht durch die engen Gassen der Leher Innenstadt. „Hier haben wir das bizarrste System aus Einbahnstraßen, das ich kenne.“, erklärt mit Till. „Das kuriose hier ist aber, dass es zwar einen Radfahrstreifen gibt, dieser aber nicht benutzungspflichtig ist. Das liegt insbesondere daran, dass die Straßen so schmal sind, dass der vorgeschriebene Überholabstand von 1,50 Metern an keiner Stelle eingehalten werden kann.“ Problematisch sei hier jedoch umso mehr, dass die Markierung suggeriert, der Streifen müsse benutzt werden und die Radfahrenden dort dann auch fahren. Autofahrende überholen dann mit wenigen Zentimetern seitlichem Abstand. „Richtig wäre hier, als Radfahrer*in selbstbewusst in der Mitte der Fahrspur zu fahren, damit die Autofahrenden erst gar nicht auf die Idee kommen, zu überholen, insbesondere weil keine Benutzungspflicht besteht.“

Zu erwähnen wäre hier, dass wie an den meisten anderen Stellen in der Stadt, die Einbahnstraße für Radfahrende nicht in beide Fahrtrichtungen freigegeben ist, so wie es in vielen deutschen Städten mittlerweile Gang und Gebe ist. „Platz wäre mehr als ausreichend vorhanden, wenn man den Autos das Parken am Straßenrand verbieten würde.” Besonders perfide: Bereits im 2014 veröffentlichen Radvekehrskonzept von Bremerhaven wird eindringlich insbesondere auf dieses Problem hingewiesen:

Viele (Erschließungs-)Straßen sind als Einbahnstraße ausgewiesen; sofern sie nicht bereits für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet sind, ergibt sich durch deren Öffnung ein Potenzial zur Erhöhung der Netzdurchlässigkeit und der Reduzierung von Umwegen.

Passiert ist dahingehend in den vergangenen vier Jahren ausgesprochen wenig.

Wir schieben unsere Fahrräder also entgegengesetzt der Fahrtrichtung über den Fußweg die Lange Straße herunter, nicht jedoch ohne dabei auch an die Grenzen des Machbaren – und deine Hauswand – zu stoßen. Der Fußweg hat in dieser Straße stellenweise Breiten von unter 50 Zentimetern und ein Durchkommen, ohne Ausweichen auf die Fahrbahn ist schier unmöglich.

Auf dem “Radfahrstreifen” unterwegs. Mitten in der Dooring-Zone wird man mit wenigen Zentimetern Abstand überholt.

Problem seit Jahren bekannt: Todesfalle Hafenstraße

Unsere gemeinsame Fahrt geht nach diesem kleinen Abenteuermarsch weiter über die Hafenstraße, eine Hauptverkehrsstraße, die Bremerhaven Mitte mit Lehe verbindet. Ein Bereich, der es jedoch besonders in sich hat. So hat sich die Hafenstraße auf der gesamten Länge einen traurigen Spitzenplatz im Radverkehrsbericht der Stadt erarbeitet und gilt als unfallreichster und somit für Rad- und Fußverkehr gefährlichster Bereich Bremerhavens. Der Radverkehrsbericht spricht für die gesamte Straße von einem besonders auffälligen Streckenabschnitt, in dem es gehäuft zu Unfällen komme. Zwar sind die Daten von 2012 und 2013, an der Verkehrsführung hat sich seither aber kaum etwas geändert und in Anbetracht des um etwa neun Prozent gestiegenen Radverkehrsanteils in Bremerhaven ist kaum von einer Verbesserung der Situation auszugehen.

„Ein weiteres Problem der Hafenstraße ist die Schule am Ernst-Reuter-Platz.“, gibt Till zu bedenken. „Insbesondere die Schüler*innen der unteren Klassen der Mittelstufe sind hier besonders gefährdet – fehlt es ihnen doch oftmals noch an Erfahrung und Selbstbewusstsein im Straßenverkehr.“ Noch schlimmer wird es etwas weiter südlich der Schule am Ernst-Reuter-Platz. „Dort haben wir eine große Grundschule, quasi direkt an der Todesfalle Hafenstraße. Das ist eine Katastrophe, seit Jahren bekannt und was ist bisher passiert? Nichts.“

Unser Experiment lässt uns die Gefahren der Verkehrssituation am eigenen Leibe spüren. Allein auf dem Abschnitt zwischen Lange Straße und Rickmerstraße, den wir befahren haben, wurden wir von keinem einzigen Auto in ausreichendem Abstand überholt. Gefährdend kommt hier noch hinzu, dass der Radfahrstreifen mitten im „Dooring-Bereich“ liegt. „Das heißt also, wenn jemand der aus dem Auto aussteigen will, kurz nicht aufpasst und vor mir die Tür öffnet, fahre ich mit hoher Geschwindigkeit dagegen, fliege über die Tür auf die Fahrbahn, werde im schlimmsten Falle von einem Auto überfahren und bin tot.“

Sanierte Straßen, aber keine Radwege.

Die Fahrt führt uns weiter über die Rickmerstraße – ein erst kürzlich teuer sanierter Bereich. „Hier haben die Planer*innen nichts unversucht gelassen, die Straßenanlagen so zu sanieren, dass sie für alles, was keinen Motor hat, möglichst unsicher und unbequem werden.“ Auf der gesamten Länge der Straße treffen wir auf ein buntes Potpourri an Radschutzstreifen, nichtssagenden Piktogrammen auf der Straße oder völliger Abstinenz von Infrastruktur für Zweiräder. Der Bereich zwischen Potsdamer Straße und Pestalozzistraße ist dabei besonders bemerkenswert. „Der Radschutzstreifen endet mehrfach abrupt, das bedeutet, als Radfahrender muss ich jetzt also auf der Straße fahren. Die Straße ist zweispurig und ausreichend breit, links und rechts dürfen natürlich Kraftfahrzeuge parken und daneben finden sich mehr oder weniger breite Fußwege. Mancherorts werden die beiden Autofahrspuren zu allem Überfluss auch noch zusätzlich durch eine Verkehrsinsel getrennt, ein an der Haltestelle haltender Bus zwingt mich zu einer Fahrt im Gegenverkehr oder beendet meine Fahrt zeitweise. Platz für einen baulich abgetrennten Radweg schien aber trotz alledem nicht vorhanden gewesen.“, erklärt Till mit deutlich hörbarer Ironie in der Stimme. Im Radverkehrskonzept von 2014 war „ein Umbau der Straße mit der Einpassung beidseitiger Schutzstreifen“ bereits vorgesehen. Dass die Schutzstreifen nun nur streckenweise vorhanden sind, wundert wenig. „Ist ja schön, wenn man einen Plan hat, bringt aber nichts, wenn es an der Umsetzung scheitert.“

Was fehlt denn noch? Wir haben Fahrradstreifen und Radschutzstreifen bereits gesehen, fehlt unter anderem noch der Sonderfall „Fußweg, Radfahrer frei.“ So ein Konstrukt finden wir auf der vor nicht allzu langer Zeit sanierten Barkhauserstraße, die entlang der Hafenlinie führt und in die von der Breite eher einer Landebahn gleichenden Columbusstraße mündet.

Hier finden wir eine gut ausgebaute, sehr breite Straße mit angrenzenden Fußwegen, die für den Radverkehr freigegeben sind. Da solche Wege von Radfahrenden laut StVo nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden dürfen, bleiben nun zwei Möglichkeiten. „Entweder ich fahre in Schrittgeschwindigkeit auf dem Fußweg und laufe Gefahr, mangels Tempo umzufallen. Oder ich fahre auf der Straße und laufe Gefahr, dass mich einer der zahlreichen LKW überfährt.“

Absteigen! Am neuen Hafen ist eine Fußgängerzone eingerichtet.

Leider noch nicht erfunden: Das SUV-Fahrrad

Wer sein Glück aber nun im Neubaugebiet rund um den neuen Hafen sucht, wird auch dort enttäuscht. Entlang der optisch schön gelegenen Hafenbecken heißt es auf südlicher Seite: Absteigen, Fußgängerzone! Am nördlichen Kai hingegen darf gefahren werden, es braucht hier jedoch ein gut gefedertes und geländegängiges Zweirad, anderenfalls macht eine Fahrt über das dortige äußerst grobe Kopfsteinpflaster keinen Spaß und keinen Sinn. Schnelles vorankommen verspricht nur die asphaltierte Lohmannstraße auf der Rückseite des Deichs – vorbei an den dort am Straßenrand parkenden Autos, durch die Gefahren der Dooringzone in Richtung Sail City Hotel. Einen Radweg oder zumindest einen Schutzstreifen sucht man hier leider ebenso vergebens. Oben auf dem Deich ist das Radfahren im Übrigen natürlich auch verboten, die Fahrt dort entlang ist also auch keine legale Option.

Wo bloß fahren? Mittlerweile ist die rechte Spur zum Radfahrstreifen geworden und die Verwirrung zumindest an dieser Stelle nicht mehr so groß.

Schreibtischtat Kennedybrücke

Nachdem wir unsere Räder also den Deich entlang geschoben haben, treffen wir auf unserer letzten Etappe auf das Paradebeispiel der Schreibtischtaten: die Kennedybrücke. Diese wurde auch kürzlich saniert, doch leider hat man dort im übermäßigen Planungseifer völlig vergessen, Radwege zu installieren. Auffallen wollte das offenbar keinem, bis der ADFC medienwirksam durch eine groß angelegte Petition darauf aufmerksam gemacht hat. Während auf der Fahrbahn auf insgesamt sechs Fahrstreifen Autos, LKW und Busse rollen, müssen sich Fußgehende und Radfahrende einen schmalen kombinierten Rad- und Gehweg teilen. Ende 2019 sammelte der ADFC die Unterschriften gegen die Entscheidung von CDU und SPD, die Radfahrenden auf der Kennedybrücke einfach völlig zu ignorieren. Tatsächlich wurde Abhilfe geschaffen, doch „was wir jetzt haben, ist eigentlich mehr eine Todesfalle, als Infrastruktur.“, merkt Till an. Auf dem jeweils rechten Fahrstreifen prangt nun alle paar Meter ein in Gelb auf die Fahrbahn gepinseltes Fahrrad-Pikogram, während der Autoverkehr aber ungehindert über diesen so genannten „Fahrradstreifen“ verkehren darf. Daneben befindet sich der Bürgersteig, der durch einen gelben Streifen in der Mitte separiert ist. „Was davon jetzt der offizielle Fahrradweg ist, weiß niemand so recht.“, erklärt Till weiter. „Wer an seinem Leben hängt, dem würde ich empfehlen, auf dem Fußweg zu fahren und sich dort mit den Fußgehenden rücksichtsvoll zu engagieren. Lieber langsam auf dem Fußweg, als tot auf der Straße.“ Drastische Worte.

Ein benutzungspflichtiger Radweg, der etwa einen meter Breit ist. Daneben drei Spuren für den Autoverkehr!

103 Zentimeter Benutzungs­pflicht

Unsere kleine Rundfahrt endet an der riesigen Kreuzung am Elbinger Platz. Auf dem Weg dort hin treffen wir auf den ersten und einzigen wirklich benutzungspflichtigen Radweg unserer Tour, doch dieser ist zugleich auch der schmalste von allen. Auf dem dortigen Bürgersteig sind zwei weiße, etwa einen Meter voneinander entfernte Linien aufgepinselt, die den Rad- vom noch schmaler daneben angeordneten Fußweg separieren. Die Straßenverkehrsordnung sieht im Übrigen eine Mindestbreite von 150 Zentimetern für benutzungspflichtige und baulich von der Straße getrennte Radwege vor. „Machen wir uns nichts vor: Radfahren in Bremerhaven macht keinen Spaß und ist ziemlich gefährlich. Aber dennoch bleibt mir und vielen anderen nicht viel anderes übrig, entweder weil sie, wie ich das Auto, insbesondere in der Stadt, ablehnen, oder weil sie es nicht anders können.“ Dabei geht die Verkehrswende alle etwas an. Die Lebensqualität, die das Auto in Städten, insbesondere in Städten wie Bremerhaven, nimmt, ist verglichen mit den Vorteilen, ungleich hoch. Autos verursachen Lärm, Gestank, nehmen unfassbar viel Platz weg und sind ein Killer für das Mikro- und das Makroklima. „Bremerhaven eignet sich optimal für einen starken Radverkehr! Die Stadt ist völlig flach, hat bis auf die Deiche keine zu überwindenden Steigungen. Durch ihre sehr weite Nord-Süd-Ausdehnung und den zugegebenermaßen doch oftmals herrschenden Gegenwind eignet sie sich insbesondere für Pedelecs und E-Bikes.“ Doch der politische Wille fehlt offenbar an den meisten Stellen.

Treffpunkt Bahnhof. Till reiste huckepack an: Mit dem Fahrrad im Zug.

Wir müssen alle abholen

Bremerhaven hat mittlerweile laut ADFC einen Radverkehrsanteil von 19 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei elf. Die Radfahrenden in Bremerhaven sind also offenbar alle, ebenso wie Till, leiderprobt und scheinen sich mit der Situation so gut es geht zu arrangieren. „Umso wichtiger ist es aber, dass das Thema viel mehr Präsenz in der Öffentlichkeit und unter den Mitbürger*innen bekommt.“, unterstreicht Till. „Denn ich denke, nur mit (Omni-)Präsenz und Druck schaffen wir es, die regierenden Politiker*innen, die sich offenbar eher in Autos durch die Stadt bewegen, abzuholen und zu überzeugen, dass die Zukunft nicht im Fokus auf den Autoverkehr liegen kann.“, denn Bremerhaven liegt gut angebunden an den Schienenverkehr und in allen Zügen, die die Seestadt ansteuern, gibt es große Fahrradabteile. Intermodaler Verkehr, also beispielsweise mit dem Fahrrad in Bremen zum Bahnhof, dort mit dem Drahtesel in den Zug, in Bremerhaven raus und ab zum Hafen geradelt, funktioniert und hat großes Potential für die Zukunft. „Man muss es nur wollen.“ 

 

„Liebend gerne würde ich mal mit den Verantwortlichen so eine Runde mit dem Fahrrad durch unsere Stadt drehen und zeigen, wie lebensgefährlich es vielerorts zugeht. Dann würden sie vielleicht auch merken, dass warme Worte keine Sicherheit bringen und Farbe keine Infrastruktur ist.“

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